Komponieren mit Obertönen
Obertonkompositionen verwenden Stimmklänge, die durch tongenaue Kontrolle der Stimmobertöne entstehen. Man kann zwei grundlegende Anwendungen der Obertöne unterscheiden:
- Klangfarbenkompositionen (Vokalobertöne) und
- Obertongesangskompositionen (Obertontechniken).
Die Obertonreihe ist das Tonmaterial für beide. Der Klang hängt sehr von der Gesangstechnik ab. Auch der Ambitus (Tonumfang) unterscheidet sich je nach Technik.
Mit Vokalobertönen
hat man gezielten Einfluß auf die Klangfarbe, mit u. a. fantastischen Möglichkeiten für Chorkompositionen. Obertonmelodien mit Vokalobertönen klingen schwächer als bei den Obertontechniken, können aber von versteckt im Stimmklang bis dominant hörbar eingesetzt werden. Auch ein fließender Übergang von Vokalobertönen in Obertontechnik ist möglich.
Pfeiffobertöne
sind vor allem zur Melodiebildung geeignet. Durch gleichzeitige Melodieführung in Grund- und Obertönen kann polyphon gesungen werden. Obertonmelodien sind die häufigste Art, mit Obertönen zu komponieren. Fließende Übergänge in die Vokalobertöne und normalen Gesang sind möglich.
Welche Obertöne stehen zur Verfügung?
Physiologisch bedingt können wir im Vokaltrakt nur Obertöne zwischen ca. 350 und 3000 Hz so verstärken, dass sie als Einzeltöne hervortreten. Das entspricht einem
Tonumfang der Obertöne von ca. f’ bis d’’’’
Mein Freund Hosoo, ein mongolischer Khöömej-Meister, singt bis g#’’’’. Die meisten Obertonsänger haben ihre Obergrenze bei etwa d’’’’. Diese Grenze ist unabhängig vom Grundton und
auch unabhängig von Frauen- oder Männerstimme.
Die Begrenzung nach oben hat zwei Gründe:
- Höhere Obertöne kann man kaum noch gezielt verstärken, weil die Resonanzkammern im Mundraum zu klein, und die Töne entsprechend leise werden. Durch erhöhte Spannung der Stimmlippen kann der Primärklang mit hohen Obertönen
angereichert werden, aber die Grenze liegt bei ca. 3000 Hz (die höchsten Obertöne habe ich von Hosoo und von Steve Sklar gehört, die gelegentlich 3500 Hz erreichten). Die Obergrenze des 2. Formanten liegt bei d’’’’.
Da die
Pfeiffobertöne durch die Doppelresonanz 2./3. Formant erzeugt werden, wird vermutlich von höher singenden Sängern eine andere Technik verwendet. Ich vermute, dass in Kehltechniken eine Doppelresonanz des 3. und 4. Formanten
erzeugt wird. Kehltechniken und die entsprechenden extrem hohen Obertöne klingen anders, gepresster und lauter als westlicher Obertongesang.
- Wenn man oberhalb des 16. Obertons singt, dessen Frequenz vom Grundton abhängt (vgl. Tabelle), dann gibt es eine zweite Begrenzung. Die Teiltonabstände werden mit zunehmendem
Abstand vom Grundton immer kleiner. Es wird dann schwieriger, die eng beeinander liegenden Obertöne voneinander zu trennen, also einen Oberton sauber herauszufiltern, weil die Filterweite der Formanten nicht beliebig verengt
werden kann. Experten singen gezielt bis etwa zur 24. Harmonischen, der Quinte in der 5. Oktave, wo Teiltöne nur noch ca. 2/3 Halbton auseinander liegen. Dazu bedarf es eines Grundtons von weniger als 125 Hz (großes H), um
unterhalb d’’’’ zu bleiben, was im Allgemeinen nur einer Männerstimme oder einer Frau mit speziellen Untertontechniken möglich ist.
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Alle mit Pfeiffobertontechniken singbaren Obertöne. Als Obergrenzen werden d’’’’ und die 18 Harmonische angegeben.
PDF Download “All singable Overtones”.
Schema zum Ambitus von Obertongesang
Schema zum Ambitus von Obertongesang.
Download als pdf
Zu allen Singtönen (unteres Klavier) von Kontra H bis zum dreigestrichenen f ist die Naturtonreihe senkrecht nach oben ablesbar. Die mit Obertongesang erreichbaren Tonhöhen sind als graue (NG-Technik) bzw. orange (L-, R-Technik)
Zone unterlegt. Es sind die Obertöne gut singbar, die in einer Obertonzone liegen und gleichzeitig zwischen der 3. und 16. Harmonischen liegen.
Frau und Mann - der kleine Unterschied
Da der Vokaltrakt bei Mann und Frau fast gleich groß ist, die Stimmen aber unterschiedliche Lagen haben, stehen hohen Stimmen weniger Obertöne für Obertongesang zur Verfügung als tiefen (vgl. in der Tabelle die grau unterlegten
Frequenzen). Mann und Frau können die Obertöne zwischen f’ bis f’’’’ singen, aber zwischen den Grenzen liegen unterschiedlich viele Intervalle.
Während ein Sopran auf c’ (261,6 HZ) die Obertöne der 2. bis 4. Obertonoktave, also die Harmonischen 2 bis 10 singen kann, stehen einem Tenor der c (130,8 Hz) singt, die Obertonoktaven 2 bis 5 mit den Harmonischen 3 bis 20 zur
Verfügung. Bei beiden ist aber der Tonumfang der Obertöne in etwa der gleiche, nämlich ca. c`` bis e’’’’. Nur kann der Tenor darin dichtere Obertöne singen, als der Sopran, hat also mehr Melodiemöglichkeiten.
Tabelle: Obertonreihe mit Beispielfrequenzen für Stimmen Die Tabelle zeigt die Frequenzen der Obertöne für die Grundtöne C, A, c, c’. Die hell
unterlegten Obertöne sind musikalisch verwendbar, die gelb markierten Töne sind die meist verwendeten. Ein + oder - zeigt Abweichungen von der temperierten Stimmung.
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